Betancourt umarmt nach sechs Jahren Geiselhaft ihre Familie

Bogotá/Washington (AFP) — Nach mehr als sechs Jahren Geiselhaft hat die kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt ihre beiden Kinder in die Arme schließen können. Sie nahm ihre 22-jährige Tochter Mélanie und ihren 19-jährigen Sohn Lorenzo am Militärflughafen von Bogotá in Empfang, wo die beiden aus Paris kommend gelandet waren. Betancourts spektakuläre Befreiung aus der Gewalt der FARC-Guerilla wurde in ihrer Heimat und im Ausland mit großer Freude aufgenommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel gratulierte der kolumbianischen Regierung zu der Befreiung von insgesamt 15 Geiseln.

Die von ihrem Mann und ihrer Mutter begleitete Betancourt brach in Tränen aus, als sie ihre Kinder aus erster Ehe umarmte. "Ich danke Gott für diesen Augenblick. Sie sind meine Kinder, mein Stolz, mein Lebensinhalt, mein Licht, mein Mond, meine Sterne, ihretwegen wollte ich aus dem Dschungel heraus", sagte sie. Die Kinder waren mit dem französischen Außenminister Bernard Kouchner von Frankreich nach Kolumbien geflogen. Mit an Bord des Airbus waren auch Betancourts erster Mann und Vater der Kinder, Fabrice Delloye, und ihre Schwester Astrid.

"Ich stehe immer noch unter Schock", sagte die 22-Jährige Mélanie auf dem Flug von Paris nach Kolumbien. Sie schwebe "auf Wolke sieben". Der 19-Jährige Lorenzo sprach von einer "unglaublichen Freude", die kaum zu beschreiben sei.

Die 46-jährige Betancourt, die neben der kolumbianischen auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, soll am Freitag in Paris eintreffen. Sie wolle dort dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, dem früheren Außenminister Dominique de Villepin und allen Franzosen für ihre Unterstützung danken, sagte sie.

Das Weiße Haus teilte mit, die US-Regierung habe von der bevorstehenden Befreiungsaktion gewusst und sie vollständig unterstützt. Frankreich war nach Angaben des Generalsekretärs des Elysée-Palasts, Claude Guéant, nicht im Voraus informiert und spielte auch keine Rolle bei der Befreiung. Sarkozy, der die Freilassung Betancourts zu einer Priorität seiner Präsidentschaft erklärt hatte, sagte: "Ganz Frankreich ist glücklich".

Die Umstände von Betancourts Befreiung ähnelten einem Thriller. Sie und die anderen Geiseln, drei US-Bürger und elf Kolumbianer, hätten angenommen, dass sie mit dem Hubschrauber in ein anderes Lager der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) gebracht werden sollten, sagte Betancourt. Nach dem Start im Südwesten des Landes stellte sich aber heraus, dass an Bord Soldaten der kolumbianischen Armee waren, die sich in die FARC eingeschleust hatten.

Der Hubschrauber habe daraufhin an Höhe verloren, da die Geiseln vor Freude in die Luft sprangen, sagte Betancourt weiter. "Das ist wie ein Wunder." Nach der jahrelangen Geiselhaft war Betancourt bei guter Gesundheit. Ihr Ehemann Juan Carlos Lecompte bezeichnete ihren Zustand als "perfekt". Sie sei nur ein wenig mager.