Unfall in Frankreich beeinflusst Atom-Debatte in Deutschland

Berlin (AFP) — Der Unfall in der französischen Atomanlage Tricastin beeinflusst auch die Debatte über die Nutzung der Atomkraft in Deutschland. Der Vorfall sei ein Hinweis darauf, dass die Atomkraft eine Hochrisikotechnologie sei, sagte der Sprecher des Bundesumweltministeriums, Michael Schroeren, in Berlin. "Es ist nicht so, dass das alles unproblematisch ist", verwies auch Umwelt-Staatssekretär Michael Müller (SPD) auf die Gefahren der Atomkraft. Politiker von CDU und FDP bekräftigten dagegen ihre Forderung nach längeren Laufzeiten für deutsche Atomkraftwerke.

In Deutschland werde das Risiko der Atomkraft so bewertet, dass es "nur noch für eine begrenzte Dauer akzeptabel ist", sagte Schroeren. Müller warnte davor, den Vorfall in Frankreich auf die leichte Schulter zu nehmen. Dort war am Montagabend mit Uran verseuchtes Wasser ausgetreten und teilweise in Nebenflüsse der Rhône gelangt. Dies zeige, dass "in Atomkraftwerken immer wieder Dinge passieren, mit denen keiner rechnet", sagte der SPD-Politiker. Auch in Deutschland, wo es angeblich die sichersten AKW der Welt gebe, seien wiederholt nur mit Glück größere Zwischenfälle vermieden worden.

"Der Uranunfall in der französischen Atomfabrik demonstriert erneut, dass entgegen der offiziellen Darstellung von Regierungen und Atomindustrie in Atomanlagen kaum ein höheres Sicherheitsniveau herrscht als in anderen Industrieanlagen", erklärte die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW. "Weltweit gibt es 439 Atommeiler, das sind 439 Risikofaktoren, die jede Pro-Atom-Debatte täglich ad absurdum führen können", erklärte der Grünen-Energieexperte Hans-Josef Fell. Der Vorfall zeige, "auf welch gefährlichem Pulverfass wir sitzen", erklärte die Umweltexpertin der Linken in Hessen, Marjana Schott.

Für längere AKW-Laufzeiten plädierte der CDU-Energieexperte Joachim Pfeiffer. "Ich schlage vor, die willkürlich verkürzten AKW-Laufzeiten zurückzunehmen und dies mit Strompreissenkungen und der Erforschung erneuerbarer Energien zu verknüpfen", sagte Pfeiffer der "Rheinischen Post". Es mache "volkswirtschaftlich keinen Sinn", bei den hohen Stromkosten den günstigen Atomstrom abzuschalten, sagte der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP).

Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) warf der Union Lobbyarbeit für die Kassen der Atomkonzerne vor. Gabriel sagte der "Neuen Presse" in Hannover, es sei angesichts der ungelösten Endlagerfrage "aberwitzig", über mehr Atomkraft zu reden.