Verbraucherschützer fordern Zulassungspflicht für Nano-Materialien

Berlin (AFP) — Sie finden sich inzwischen in Sonnencreme genauso wie in Socken, doch das Wissen über die winzigen Teilchen ist noch gering: Wegen möglicher Risiken für Gesundheit und Umwelt haben Verbraucherschützer eine bessere Erforschung und eine Zulassungspflicht für Materialien mit sogenannten Nano-Partikeln gefordert. Nur so könne verhindert werden, dass "ein Großexperiment an Verbrauchern" stattfinde, erklärte der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) am Dienstag in Berlin. Es dürften nicht nur die Möglichkeiten der Nano-Technologie für das jeweilige Produkt gesehen werden, sondern auch die Risiken - wie etwa die Folgen, wenn die Teilchen in großer Zahl ins Wasser gelangten.

Nano-Materialien stecken schon jetzt in Sonnencremes als UV-Filter, in schmutzabweisenden Textilien, aber auch in Autolack und Sonnenkollektoren. Ein Nano-Strukturelement verhalte sich zu einem Fußball wie ein Fußball zur Erdkugel. Risiken sehen Verbraucherschützer vor allem darin, dass selbst gut erforschte und bekannte Stoffe wie etwa das Titandioxid im Nano-Format stark veränderte physikalisch-chemische Eigenschaften aufweisen können.

Nur wenige Verbraucher wüssten derzeit überhaupt, was es mit Nano-Technologien auf sich habe, erläuterte vzbv-Vorstand Gerd Billen. Aus dem am Dienstag vorgestellten Zwischenbericht einer Studie dazu geht hervor, dass 60 von 100 Befragten ihren eigenen Wissensstand zu diesem Thema als niedrig einschätzen. Auch wenn die Einstellung zur Nano-Technologie dennoch grundsätzlich positiv ist, gibt es je nach Anwendungsgebiet der Mini-Teilchen große Unterschiede. Demnach sind die Verbraucher vor allem dann kritisch, wenn Nano-Partikel in Lebensmitteln, Kosmetik und Kleidung enthalten sind.

So befürworten die für die Studie befragten Verbraucher zwar den Einsatz von Nano-Teilchen, wenn es um mehr Kratzfestigkeit bei Farben und Lack geht (55 Prozent), entschieden dagegen sind nur vier Prozent. Wenn allerdings Lebensmittel mit Hilfe von Nano-Technologie länger lecker aussehen sollen, so lehnen dies 53 Prozent der Umfrageteilnehmer voll und ganz ab, 31 Prozent lehnen es "eher" ab, und nur sechs Prozent unterstützen es voll und ganz.

Offensichtliche Schäden durch Nano-Partikel für Verbraucher seien noch nicht bekannt geworden, sagte Rolf Buschmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Allerdings hätten sich im Tierversuch mit Nano-Partikeln bereits negative Folgen gezeigt. Beim Menschen durchdringe beispielsweie Titanoxid im Nanoformat - wie es etwa in manchen Kosmetika enthalten ist - zwar die gesunde Haut des Menschen nicht, unklar sei jedoch noch, ob dies auch für vorgeschädigte menschliche Haut gelte.

In Europa sind derzeit nach Angaben der Verbraucherzentralen bis zu 600 Nano-Produkte auf dem Markt. Allerdings sei es für den Verbraucher derzeit unmöglich zu erkennen, ob auch überall, wo Nano draufstehe, tatsächlich Nano-Technologie drin sei. Noch gebe es keine allgemeingültige Definition von Nano-Partikeln und -Materialien und auch keine anerkannte Messmethodik. Selbst den Verbraucherschützern falle es deshalb alles andere als leicht, herauszufinden, ob ein mutmaßlich nanobeschichteter Teppich auch wirklich Nano-Teilchen enthalte. Bestimmte den Nano-Partikeln zugeschriebene Effekte - wie etwa eine wasserabweisende Wirkung - ließen sich auch auf andere Weise erzielen.