Berlin (AFP) — Die Inflationsrate ist nur eine simple Zahl. Sie auszurechnen aber ist alles andere als einfach: Hunderte Menschen strömen jeden Monat aus, um für die Statistikämter mit Zettel und Stift rund 350.000 Preise zu notieren. Parallel dazu müssen die Statistiker knifflige Probleme lösen. Sie aktualisieren den Warenkorb mit den meistgekaufen Produkten. Alle fünf Jahre berechnen sie zudem den Anteil der jeweiligen Produkte an den Ausgaben der Deutschen. Das geschieht auch derzeit, ab diesem Jahr wird die Inflation auf einer neuen Basis verkündet. Doch für die Statistiker wird es immer schwerer, mit dem rasanten Wandel von Produkten und Verbraucher-Gewohnheiten mitzuhalten.
"Die wahre Inflation kennt kein Mensch", sagte der Inflationsexperte Hans Wolfgang Brachinger von der Universität im Schweizerischen Fribourg. "Das Marktgeschehen ist so komplex, dass es keiner insgesamt erfassen kann." Welche rund 700 Produkte die Deutschen am meisten einkaufen, das ist noch relativ leicht zu bestimmen. So wurde in den vergangenen Jahren der Walkman durch den MP3-Player ersetzt, die Taschenlampe flog aus dem Index, das Fitnessstudio kam rein.
Welchen Anteil aber Miete, Kleidung oder Lebensmittel im Schnitt an den Ausgaben eines Durchschnitts-Deutschen haben, ist schwerer zu bestimmen. Die Statistiker nutzen Erhebungen, etwa die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, bei der rund 60.000 Haushalte alle fünf Jahre nach ihren Konsumgewohnheiten befragt werden. Doch sie hinken hinterher. Bisher galt immer noch das Jahr 2000 als Bezugsjahr. Erst jetzt wird gemäß dem Fünf-Jahres-Rhythmus auf 2005 als Basis umgestellt. "Das Jahr 2000 ist natürlich schon lange her", sagt Timm Behrmann, Inflationsexperte beim Statistischen Bundesamt. "Aber die Änderung der Verbrauchstrukturen waren nach fünf Jahren bisher nie spektakulär."
Inflationsexperte Brachinger, der einen neuen Inflationsindex für die Schweiz entwickelte, hält das deutsche System aber für verbesserungsfähig. "Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe ist ein Monstrum", sagt er. Womöglich sei es sinnvoller, jährlich einen kleineren Kreis von Verbrauchern zu befragen. Das Statistische Bundesamt hält jedoch längere Zyklen für besser. "Vergleichbarkeit über die Zeit ist ein wichtiges Qualitätskriterium", sagt Behrmann.
Doch hier kommt schon das nächste Problem auf die Behörde zu: Die Produkte ändern sich heute immer schneller. Vor allem bei Computern, Fernsehern oder Waschmaschinen kommen immer neue Modelle auf den Markt. "Die Statistik hechelt da natürlich hinterher", sagt Brachinger. Das Statistische Bundesamt versucht daher, nach einem Jahr nicht dieselben Laptop-Modelle zu vergleichen, sondern Produkte, die jeweils dem Stand der Technik entsprechen.
"Für die Menschen, die an der Front die Preise erheben, steigen die Anforderungen durch solche Methoden", sagt Brachinger. So müssen die knapp 600 Preisbeobachter in Deutschland immer besser geschult sein, um die richtigen Produkte miteinander zu vergleichen. Der Überblick über den Markt wird damit immer schwerer. Aber, sagt Brachinger: "Verglichen mit unserer wirtschaftlichen Komplexität ist Inflation ein zuverlässiger Indikator."
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