Schädel im Schiller-Sarg gehört nicht dem großen Dichter

Weimar (AFP) — In Friedrich Schillers Sarg liegen wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge weder der Schädel noch die Gebeine des großen Dichters. Die DNA des Totenschädels aus dem Sarkophag in der Weimarer Fürstengruft stimme nicht mit der der engsten Verwandten Schillers überein, erklärte am Wochenende der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), der zusammen mit der Klassik Stiftung Weimar die Untersuchungen in Auftrag gegeben hatte. Historiker gehen davon aus, dass Schädelräuber den echten Schillerkopf längst gestohlen haben. Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf zeigte sich von dem Ergebnis "betroffen". Die Chefin der Thüringer Tourismus GmbH, Bärbel Grönegres, sagte, die Branche habe keinen Grund "nun kopflos zu werden".

Bislang wurden laut MDR zwei Schädel in der Fürstengruft dem Dichter zugeschrieben, die nun beide untersucht wurden: Jener im Sarkophag von 1826 sowie der so genannte Froriep-Schädel, den der Anatom August von Froriep 1911 ausgegraben hatte. Deren DNA habe jedoch weder in der weiblichen noch in der männlichen Linie der Schiller-Familie mit Vergleichspersonen übereingestimmt, teilte der MDR mit. Die Wissenschaftler hatten unter anderem die sterblichen Überreste von zwei Schwestern und zwei Söhnen Schillers exhumiert.

Wem der Schädel aus dem Sarkophag wirklich gehöre, habe nicht geklärt werden können, hieß es. Der Froriep-Schädel hingegen stamme von Louise von Göchhausen, der Ersten Hofdame von Herzogin Anna-Amalia. Dies hätten Anthropologen mit Hilfe von modernster Gesichtsrekonstruktion und Vergleichen herausgefunden, erklärte der MDR. Die Forscher hätten zudem klären können, dass das Skelett in Schillers Sarg aus den Knochen mehrerer Menschen zusammengesetzt worden sei.

Der Präsident der Klassik Stiftung, Hellmut Seemann, zeigte sich von dem Untersuchungsergebnis überrascht. Zu Beginn der Untersuchungen sei er sicher gewesen, dass es sich bei dem Totenschädel um jenen Schillers handle. Nun sei zwar das Gegenteil bewiesen. Dennoch sei er "glücklich, dass es ein eindeutiges Ergebnis ist", sagte er dem MDR zufolge. Seemann zufolge könnten sich die wahren sterblichen Überreste von Schiller auf dem Jacobsfriedhof in Weimar befinden, wo der Dichter 1805 beigesetzt worden war.

Oberbürgermeister Wolf sagte dem MDR, auch er habe gehofft, dass die Untersuchung die Echtheit des Schädels beweisen werde. Grundsätzlich hätte er aber lieber ganz auf eine Untersuchung verzichtet. Die Folgen für den Tourismus in der Klassikerstadt bezeichnete Wolf als schwierig. Dass - wie bisher angenommen - mit Johann Wolfgang von Goethe und Schiller zwei große Dichter zusammen in der Fürstengruft ruhten, sei etwas Besonders gewesen. "Da ist nun erst einmal eine fürchterliche Lücke gerissen", sagte Wolf.

Tourismus-Chefin Grönegres sagte dem MDR dagegen, "der Geist", der von Schiller auf Weimar ausstrahle, sei nicht mit einem Schädel verbunden. Geist und Mythos Schillers könne in der ganzen Stadt nachgespürt werden. Mit Blick auf das Schillerjahr 2009 fügte Grönegres hinzu, die Thüringer Tourismus GmbH werde die neuen Erkenntnisse aufgreifen.

Der Schädel aus dem Sarkophag wurde wegen seiner großen Ähnlichkeit mit Totenmaske und Porträts des Dichters 180 Jahre lang für echt gehalten, wie der "Spiegel" in seiner aktuellen Ausgabe berichtete. Die Freiburger Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen, die bei den Untersuchungen mitwirkte, sagte dem Magazin: "Ein so exakter Doppelgänger kann nicht zufällig in den Sarg gekommen sein." Der ebenfalls an den Untersuchungen beteiligte Historiker Ralf Jahn vermutet demnach, Schillers Kopf sei vermutlich schon im 19. Jahrhundert gestohlen und durch einen sehr ähnlichen ersetzt worden.

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