Berlin (AFP) — Der jüngste tödliche Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan hat eine Debatte über angeblich eklatante Personalprobleme der Truppe ausgelöst. Die hohe Gefährlichkeit des Einsatzes sei auch ein Grund für den großen Bewerbermangel, sagte der Vizechef des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Das Bundesverteidigungsministerium sieht dagegen keine Personalprobleme bei der Bundeswehr. Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe (SPD), forderte, den Soldatenberuf finanziell attraktiver zu machen. Die Grünen forderten eine Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu dem Einsatz.
Kirsch sagte der "NOZ", bei Unteroffizieren und Mannschaften sei die Zahl der Anwärter im Vergleich zum Vorjahr um über 50 Prozent gesunken. Bei den Nachrichtensendern n-tv und N24 verwies Kirsch darauf, dass bei einer Mitgliederbefragung 80 Prozent der Soldaten geantwortet hätten, sie würden ihren Beruf wieder ergreifen, fast ebensoviele hätten aber auch gesagt, jemand anderem würden sie dies nicht empfehlen. Als Begründung sei die verbesserte Lage auf dem zivilen Arbeitsmarkt genannt worden.
Die von Robbe geforderte Anhebung des Solds nannte Kirsch nicht entscheidend. Zwar bekomme ein Bundeswehrsoldat in Afghanistan 92,03 Euro steuerfreien Zuschlag pro Tag, "aber Bezahlung ist eben nicht alles", sagte Kirsch der "NOZ".
Robbe sagte der "Passauer Neuen Presse" , zwar seien die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gut ausgestattet. Ausrüstung und Sicherheitskonzept müssten jedoch "immer wieder neu auf den Prüfstand gestellt werden". Hauptgrund für die Nachwuchssorgen seien aber nicht die Gefahren bei Auslandseinsätzen, sondern die finanziellen Rahmenbedingungen, sagte Robbe im Saarländischen Rundfunk. Zwei Drittel der Soldaten gehörten zu den unteren Einkommensgruppen. Dies müsse sich ändern.
Die "Rheinische Post" berichtete unter Berufung auf Offizierskreise, immer häufiger werde in letzter Zeit der Afghanistan-Einsatz als Begründung für den vorzeitigen Abschied von der Bundeswehr genannt. Rund zehn Prozent aller Offiziersanwärter verließen die Bundeswehr inzwischen bereits wieder vor dem eigentlichen Beginn ihrer Karriere.
Es gebe keine "einheitliche strategische Zielsetzung", kritisierte der sicherheitspolitische Sprecher der Grünen, Winfried Nachtwei, im "Tagesspiegel". "Es gibt bei der NATO, der EU und gerade in Berlin keine politische Führung. Die Bundesregierung verwaltet eher." Nach der Sommerpause müsse die Kanzlerin "den Bürgern erklären, was mit dem Einsatz eigentlich erreicht werden soll", forderte Nachtwei.
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