Italien will Libyen Entschädigung für Kolonialzeit zahlen

Benghazi (AFP) — Mit einer Milliarden-Entschädigung für die Kolonialzeit will Italien in den Beziehungen zu Libyen ein neues Kapitel aufschlagen. Ministerpräsident Silvio Berlusconi kündigte bei einem Besuch in dem nordafrikanischen Land an, dass Rom über 25 Jahre verteilt fünf Milliarden Dollar (3,4 Milliarden Euro) in Form von Projektinvestitionen an Libyen zahlen werde. Ein entsprechendes Abkommen wollen Berlusconi und der libysche Staatschef Muammar el Gaddafi unterzeichnen.

Italien hatte Libyen 1911 dem Osmanischen Reich im Krieg abgenommen und mehr als 30 Jahre lang besetzt gehalten. Nach einer Zeit unter UN-Verwaltung wurde der Maghreb-Staat 1951 unabhängig.

"Das Abkommen sieht 200 Millionen Dollar jährlich während der kommenden 25 Jahre vor", sagte Berlusconi in Benghazi 1000 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis. Zu den geförderten Projekten gehörten unter anderem der Bau einer Küstenautobahn, die das Land von Tunesien bis Ägypten durchziehen soll. Außerdem erhalte Libyen Geld für den Wohnungsbau, für Studienstipendien sowie Entschädigungszahlungen an Opfer italienischer Anti-Personen-Minen aus der Kolonialzeit.

Teil des Abkommens ist den Angaben zufolge auch eine stärkere Zusammenarbeit beider Länder im Kampf gegen die illegale Einwanderung. Italien ist wie andere südliche EU-Staaten immer wieder Ziel von Flüchtlingen aus verarmten afrikanischen Regionen, die in meist viel zu kleinen und nicht hochseetauglichen Booten die gefährliche Überfahrt nach Europa wagen. Bislang hatte sich Libyen wegen der nicht geregelten Kolonialfrage bei der Kooperation zurückgehalten.

Berlusconi sagte, die Vereinbarung beende die 40 Jahre währenden Unstimmigkeiten zwischen beiden Ländern. Italien erkenne die Libyen während der Kolonialzeit zufügten Leiden "vollständig und moralisch" an. Im Gepäck für seinen weniger als zwölf Stunden dauernden Besuch hatte der italienische Regierungschef auch die Venus von Cirene, ein spätrömisches Kunstwerk, über deren Rückgabe sich beiden Länder jahrelang gestritten hatten. Die Statue war 1913 auf libyschem Boden entdeckt und nach Italien gebracht worden.