Karlsruhe (AFP) — Bei Günther Jauchs Millionenfrage würden die Kandidaten an den exotisch klingenden Begriffen vermutlich allesamt scheitern: Nein, Kala-Azar ist kein Berg im Himalaya und Chikungunya keine Rauschpflanze aus Südamerika. Tatsächlich handelt es sich um lebensbedrohliche Krankheiten - und glaubt man Tropenmedizinern, könnten diese wegen der globalen Erwärmung auch hierzulande Einzug halten und ihre Namen bald zur Allgemeinbildung zählen. Experten, die sich zu einer Fachtagung des Auswärtigen Amtes am Freitag in Berlin treffen, gehen längst davon aus, dass der Klimawandel ein Wegbereiter für exotische Krankheiten in Deutschland ist. In beliebten Urlaubszielen wie Mallorca sind sie längst angekommen und befallen dort überwinternde Rentner.
Tropenmediziner wie Emil Reisinger von der Uni Rostock und sein Kollege Klaus Fleischer aus Würzburg unterscheiden zwischen sich schnell ausbreitenden Viren, die etwa das Dengue- oder das Chikungunya-Fieber übertragen und einer langsameren Völkerwanderung parasitärer Tropenkrankheiten, zu denen etwa die Kala Azar zählt. Dieser Begriff stammt aus dem Hindi und bedeutet "Schwarze Haut". Die auch Leishmaniose, Orientbeule oder Schwarzes Fieber genannte Krankheit wird durch Sandmücken übertragen und ist inzwischen im Mittelmeerraum weit verbreitet. Je nach Ausprägung können die Erreger lang anhaltende Hautgeschwüre verursachen oder innere Organe befallen und dann in seltenen Fällen zum Tod führen.
Laut Fleischer haben diese Parasiten klimabedingt die Pyrenäen längst überschritten. In Südfrankreich und der Poebene treten die Erreger sogar gehäuft auf. Vor allem Hunde sind oft infiziert, und unter den Mittelmeer-Urlaubern gelten vor allem rheumageplagte Rentner als gefährdet: Ihre Medikamente können die Immunabwehr so sehr schwächen, dass das Aufeinandertreffen mit Hunden und Sandmücken etwa am Strand von Mallorca fatale Folgen für die Urlauber haben kann: Sie werden zum Opfer der Leishmaniose.
Ein Hund, den Tierfreunde vermutlich vom Mittelmeer-Urlaub mitbrachten, sorgte bereits 1997 für einen Medizin-Krimi in Aachen: Dort erkrankte ein 15 Monate altes Kind an unklarem Fieber und geschwollener Milz. Erst vier Monate später fanden die Ärzte heraus, dass das Baby an Kala-Azar litt, obwohl es nie im Ausland war und auch keine Bluttransfusionen erhalten hatte.
Weitere Untersuchungen konnten dann den Überträger, die nur zwei Millimeter lange Sandmücken, in der häuslichen Umgebung des Kindes nachweisen: Die Mücke hatte erst den aus dem Süden importierten Hund und dann das Kleinkind gestochen, und damit das Virus übertragen. Heute gehört die Sandmücke im süddeutschen Raum zum Alttag. Deutschland steht längst auf der Liste von rund 90 Ländern, in welchen Sandmücken vorkommen.
Ein weiterer gefährlicher Plagegeist, die Asiatische Tigermücke, hat mit der Klimaerwärmung nun den Sprung über die Alpen geschafft. Sie wurde vor einigen Monaten im Badischen südlich von Karlsruhe nachgewiesen und wird dort nun gezielt bekämpft. Mit gutem Grund: Die Tigermücke gilt als Überträger des Chikungunya- und Dengue-Fiebers. Das Wort Chikungunya stammt aus Tansania und bedeutet "der gekrümmt Gehende", weil der Erreger neben hohem Fieber heftige Gelenkschmerzen verursacht. Das Virus hat in einem rasanten Zug um die Welt Millionen Menschen infiziert und zahlreich Todesopfer gefordert. Im Sommer 2007 brach Chikungunya erstmals in Norditalien aus, nachdem ein Reisender das Virus aus Indien eingeschleppt und die Tigermücke es verbreitet hatte.
Die Tigermücke hat sich nun offenbar an kühleres Klima angepasst und kann in Gegenden überwintern, in welchen die Durchschnittstemperatur im Januar über dem Gefrierpunkt bleibt. Das ist wegen der Klimaerwärmung inzwischen am Rhein, dem Kraichgau und im Westen der Norddeutschen Tiefebene der Fall. Einen Automatismus, dass die bis zu 20 Viren, die der Quälgeist übertragen kann, nun auch alle nach Deutschland nachkommen, gibt es den Medizinern zufolge zum Glück aber nicht.
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