Berlin (AFP) — Deutschlands erste Bundestagspräsidentin Annemarie Renger ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Die SPD-Politikerin erlag nach Parteiangaben am frühen Montagmorgen in Remagen einer langen schweren Krankheit. Renger war von 1972 bis 1976 Präsidentin des Parlaments und wurde dem konservativen Flügel der SPD zugerechnet. Bundespräsident Horst Köhler würdigte die gebürtige Leipzigerin als "überragende und über alle Parteigrenzen hinweg hoch geachtete Politikerin". Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nannte Renger eine "bedeutende Parlamentarierin" und "engagierte Demokratin".
Renger war von 1953 bis 1990 ununterbrochen Mitglied des Bundestages. Von 1976 bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Parlament war die aus einer sozialdemokratisch geprägten Familie stammende Politikerin zudem Vizepräsidentin des Bundestags. Zur Politik fand Renger durch den SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher, für den sie bis zu dessen Tod 1952 als Privatsekretärin arbeitete. 1979 kandidierte die dem konservativem Seeheimer Kreis in der SPD angehörende Politikerin für das Amt des Bundespräsidenten, unterlag jedoch dem Unionskandidaten Karl Carstens.
Köhler bezeichnete Renger als "Persönlichkeit, für die politisches Engagement ebenso Verpflichtung wie Leidenschaft war". "Ihre Geradlinigkeit, Durchsetzungskraft und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, waren beispielhaft", unterstrich das Staatsoberhaupt in einem Beileidsschreiben an Rengers Enkel Reinhard. Köhler einnerte zugleich daran, dass die Pflege der Beziehungen zu Israel und der Dialog zwischen Juden und Christen für Renger ein "Herzensanliegen" gewesen seien.
Lammmert betonte, Renger habe das Amt der Bundestagspräsidentin "mit Bestimmtheit und Würde" ausgeübt. "Kennzeichnend war ihr gelegentlich energischer Durchsetzungswille, den alle Parlamentarier, über Fraktionsgrenzen hinweg, erleben durften." In ihrer Amtszeit habe die SPD-Politikerin wichtige Parlamentsreformen auf den Weg gebracht und den Kontakt zu ausländischen Parlamenten vertieft, etwa zur israelischen Knesseth und zum polnischen Sejm.
Der SPD-Vizevorsitzende und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier betonte, Renger habe die Nachkriegsgeschichte der SPD und die frühen Jahre der Bundesrepublik "entscheidend mitgeprägt". Der Seeheimer Kreis hob hervor, das Wirken von Renger sei Vorbild für viele Frauen gewesen, "in einer von Männern dominierten Gesellschaft in höchste Funktionen aufsteigen zu können". Auch die Chefin der SPD-Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF), Elke Ferner, nannte Renger eine "wichtige Wegbereiterin des Erfolges der Frauen in der SPD".
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